Konzert für Violoncello Nr. 2 h-Moll op. 104

Mitten im zweiten Satz dieses an »böhmischen« Dvořák-Melodien so reichen Konzertes kommt das Orchester im Pianissimo samt einigen Fermaten und einem ritardando zur Ruhe. Nur die Holzbläser sind noch zart zu vernehmen. Dann plötzlich ein g-Moll-Akkord im Fortissimo, drei streng akzentuierte Takte – die eine Art Einleitung bilden zu einer klaren, leicht melancholischen, sieben Takte währenden Melodie des Solocellos im Dreivierteltakt. Trotz der Fülle an Einfällen sticht sie heraus. Und ist dem Dvořák-Liebhaber bekannt aus dem Lied »Lasst mich allein«.

Dies war das Lieblingslied von Josefine Kounicová, Dvořáks großer (unerfüllter) Jugendliebe, die – mittlerweile seine Schwägerin – in der Heimat schwer erkrankte, während er in New York komponierte. Einst hatte er Bratsche im Prager Interimstheater gespielt, und sie war ebenda als junge Schauspielerin engagiert gewesen. Voller Liebe erinnerte er sich an die Klavierstunden, die er damals gab.

Oder war es doch vor allem die Sehnsucht nach seinem Heimatland Böhmen, die ihm die Feder führte? Es ist die letzte der sieben Kompositionen, die während seiner drei amerikanischen Jahre entstanden, als er von 1892 bis 1895 Direktor des New Yorker Nationalkonservatoriums war. Und obwohl in vielen vorigen Werken die Anspielungen an amerikanische Volkslieder zahlreich waren (man denke nur an die Symphonie »Aus der Neuen Welt«) – hier ist Böhmen viel präsenter, das Land, in das Dvořák kurz danach zurückkehren sollte und in dem er schließlich die Nachricht von Josefines Tod erhielt.

Doch schauen wir noch einmal auf den Beginn: Nicht weniger als vier Themen verarbeitet Dvořák im Laufe des ersten Satzes. Die formale Gestaltung ist eher locker, Solisten und Orchester bewegen sich nach einer langen Orchester-Einleitung meist auf gemeinsamen Wegen. Der zweite langsame Satz samt »Lasst mich allein« ist gewohnt kantabel gehalten. Der dritte schließlich hält zwar bewusst keine Solokadenz, aber eine reiche Fülle an pathetischen und lyrischen Themen bereit sowie einen bemerkenswerteren Schluss: Man erwartet die üblichen Schlussakkorde, doch Dvořák moduliert in den letzten Takten munter drauflos und reiht dissonant aufsteigende Triller aneinander. »... dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischem Ton«, so Dvořák selbst. Wer mag, höre hier das Glücksgefühl angesichts der mittlerweile überstandenen Rückkehr ins Heimatland heraus...
Antonín Dvořák
Antonín Dvořák

Historie

06.06.2019 - Bekenntnisse in Moll

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15.06.2019 - Ion Marin & Teresa Beldi

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