MovINg Music: 29.11.2018, Internationale Vorbereitungsklasse St. Pauli

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Von Miriam Holzapfel

Sind die Beatles auch in Afghanistan bekannt? Welche Musik mögen junge Menschen in Bulgarien? In der Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) der Stadtteilschule am Hafen, gleich neben dem Millerntorstadion auf St. Pauli, kommen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren zusammen, um sich auf den Schulbesuch an einer deutschen Schule vorzubereiten. Sie haben kurz vor dem Schulabschluss ihre Heimatländer verlassen – den Iran, die Türkei, Bosnien-Herzegowina, Syrien, den Libanon, Afghanistan und Bulgarien. Und alle kennen natürlich Musik – aber die Erfahrungen mit dieser universellen Sprache sind sehr verschieden. Sevde hat in der Türkei Saz gespielt, Haya hatte Klavierstunden, ehe sie Ägypten verlassen hat. Fast alle haben schon einmal etwas von Beethoven gehört, aber zu den Beatles fällt zunächst nur Maks aus der Ukraine ein Titel ein: Yellow Submarine! Aber was ist mit Imagine? Und apropos Beethoven, wer hat schon einmal von Brahms gehört? Woher kommt der eigentlich? Australien? Amerika? England? Nein, er wurde fast direkt um die Ecke geboren und ebenfalls fast um die Ecke hatten die Beatles ihre ersten Auftritte, sieh an.

Ting-Shuo Chang von den Symphonikern Hamburg spielt Geige und hat sein Instrument in die erste Stunde mit der IVK mitgebracht. Er erklärt sein Instrument, lässt die jungen Menschen es sogar behutsam anfassen und spielt zunächst sein Lieblingslied, ein Volkslied aus Taiwan, das dort alle Menschen kennen. Gefragt, was ihnen einfällt, wenn sie dieses Stück hören, sagt ein Schüler, es erinnere ihn an Asien. Ein Mädchen denkt dabei an Wasser, die begleitende Sozialpädagogin Jana Pollex an ein Märchen. Alle hören dasselbe, tragen aber verschiedene Bilder in sich, entlang derer sie das Gehörte deuten – wie das mit Sprache eben so ist.

Quasi als eine mobile Jukebox spielen Ting-Shuo Chang und Michael Zlanabitnig anschließend mit Violine und auf dem Flügel verschiedene Melodien an, die den Schülerinnen und Schülern einfallen: Haya schlägt „Abends, will ich schlafen gehn“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ vor, die in Ägypten recht populär sei, so erzählt sie. Ein Schüler, der aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist, mag amerikanische Filmmusik, vor allem den Titel „Summertime“ von George Gershwin. Außerdem gefällt ihm persischer HipHop. Ein Junge aus Bulgarien mag lieber Death Metal, und auch das kann man mit Geige und Klavier improvisieren.

Zum Abschluss kommt die ganze Klasse am Flügel zusammen und hört zu, wie Michael Zlanabitnig „Schweige und höre“ spielt. Sie summen erst nur die Melodie mit, sprechen dann die unbekannten Wörter nach: „Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden.“ Am Ende der Stunde singen sie alle gemeinsam, begleitet von Geige und Klavier, in der fremden Sprache Deutsch, in der vertrauten Sprache der Musik.