MovINg Music: Interview mit Michael Zlanabitnig

Veröffentlicht am MovINg Music

Von Miriam Holzapfel

Nach über einem halben Jahr intensiven Austauschs und gemeinsamen Singens haben sich die unterschiedlichen Chorgruppen des MovINg Music -Projekts zum ersten Mal in der Laeiszhalle getroffen. Wie sieht Projektleiter Michael Zlanabitnig diese Begegnung – und die Zusammenarbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bisher?

 

Wie hast du das Treffen der Gruppen in der Laeiszhalle persönlich erlebt?

Für mich war das sehr schön weil es das erste Mal war, dass sich die Menschen, die bei dem Projekt dabei sind, gegenseitig kennengelernt haben. Bisher war es ja so: Ich kenne alle und alle kennen mich. Aber Sinn der Sache ist, dass das auch untereinander funktioniert und dass auch die Symphoniker Hamburg und die Laeiszhalle sich vorstellen. Ich fand es wunderbar, dass alle da waren und ich glaube, dass alle viele Eindrücke mitnehmen konnten – ich genauso. Und ich glaube, dass es auch für die Musiker spannend war.

 

Was ist zu kurz gekommen, wofür hätte mehr Zeit da sein sollen?

Natürlich hätte ich gerne noch mehr gemeinsam Musik gemacht mit den Leuten. Das war jetzt so ein Appetit-Häppchen, dass wir zusammen „Schweige und höre“ gesungen haben, das Lied, das musikalisch das Bindeglied zwischen den Gruppen geworden ist. Aber klar, da könnte man noch viel weiter und auch in die Tiefe gehen. An einigen Standorten läuft das Projekt nun immerhin schon über ein halbes Jahr und da ist natürlich noch viel mehr entstanden. Zunächst ist es aber für die Gruppen und auch für mich superspannend zu hören, wie das nun eigentlich klingt, wenn alle zusammen Musik machen – und wie es sich anfühlt. Ist es vielleicht auch beängstigend? Oder überfordernd? Oder genießen die Sängerinnen und Sänger das? Und ja, ich hatte den Eindruck, dass es die meisten genossen haben. Ich schaue ja immer in die Gesichter und sehe, was da passiert. Und ich habe Neugierde und Offenheit gesehen und auch viel Freude. Und Überraschung: Ah! So ist das gemeint! – Man muss bedenken, dass viele Leute dabei sind, die so etwas gar nicht kennen, die noch nie in einem Chor gesungen haben oder noch nie in der Laeiszhalle waren. Und das macht es dann umso bemerkenswerter und ich freue mich, dass wir so etwas ermöglichen können. Umgekehrt ist es natürlich so, dass auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer uns und den Musikerinnen und Musikern etwas ermöglichen, das sind ja zwei Seiten.

 

Geht es also auch um Wertschätzung, ist das die Absicht hinter dem Projekt? Kommt diese Absicht an?

Musik lehrt uns auf wunderbare Art Wertschätzung. Sie fordert jeden auf seine Art, auf individuelle Art heraus. Fragt: wer bin ich, wer bist du? Musik begegnet uns immer auf Augenhöhe, ob Laie oder Profimusiker, sie macht keinen Unterschied, alle äußerlichen, oberflächlichen Dinge werden zweitrangig. Davon können wir Menschen vieles lernen, auch im Umgang mit vermeintlichen Schwächen oder Stärken. Im Umgang miteinander. Denn darum geht es: Musik nimmt jeden gleich ernst, wenn man sich auf sie einlässt. Wenn man die Herausforderung annimmt. Musik ist immer Herausforderung, nie Stillstand, immer ein Weg, und dieses Bild ist dem Projekt ja immanent – moving orchestra, moving music, Bewegung, sich auf den Weg machen – das ist der spannende Aspekt dabei. Wer sich auf diesen Weg einlässt, kann eigentlich nur gewinnen, und das passiert ganz nebenbei, eigentlich unabsichtlich. Diese Geschichte hier hat durchaus einen experimentellen Charakter, das war mir von Anfang an klar. Man kann zu Beginn nicht sagen, dass es so und so funktionieren wird und man die Teilnehmer bei A abholt und nach B bringt. Vielmehr ist es so, dass den Weg schon jeder selbst zurücklegen muss. Ich kann versuchen, dabei zu helfen, auch mal zu ziehen oder zu schieben. Aber wohin man kommt und wann, ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist, dass wir überhaupt wo hin kommen damit. Denn es ist so: Ich weiß, dass man sich immer auf die Musik verlassen kann. Es ist wie der erste Sprung ins Wasser, irgendwann macht man die Erfahrung, dass es trägt. Dass die Musik einen trägt und diese ganz individuelle Wertschätzung auch zurück gibt. Diese Erfahrung zu machen, ist auf jeden Fall Absicht von MovINg Music, und ich wünsche sie jedem.