Zwischenstand: Ein Fest der Musik ist es schon jetzt

Veröffentlicht am MovINg Music

Michael Zlanabitnig über seine Erfahrungen mit MovINg Orchestra


Moin! Moin! Ahoi! Ahoi!
Pangreuah ti palabuhan (so ruft es tatkräftig vom Hafen aus) 
Gapurana nyaba ka mancanagara (Hamburg, Tor zur weiten Welt)
Rayat bungah, semah betah sukacita (Seine Menschen so glücklich, Gäste fühlen sich willkommen)
Hamburg lembur kuring, nyugemakeun balarea (Hamburg meine Heimat, unser aller Glück)
Hamburg lembur kuring, ginanjar kartarahardja (Hamburg meine Heimat, unsere wunderschöne Perle)
Hamburg lembur kuring, hayu urang mirosea (Hamburg meine Heimat, lasst sie uns bewahren)


Ida, Yanti und Muller am Klavier lassen es sich nicht nehmen, uns mit einem eigenen Stück, mit dem sie ihre Freundschaft mit Hamburg in Worte und Töne gegossen haben, zu begrüßen. Zum zweiten Mal haben sich heute, am Samstag den 19.10., alle MovINg Music ProjektteilnehmerInnen im Kleinen Saal der Laeiszhalle versammelt. Denn der große Tag rückt näher: Das Fest der Musik am 12.12., die offizielle Abschlussveranstaltung des MovINg Orchestra Projekts. Die drei gebürtigen Indonesier strahlen vor Lebensfreude, vor Freude an der Musik, stecken die anderen an, schnell ist vergessen dass es erst 10h vormittags ist und draußen der Hamburger Herbst schwer vom Himmel hängt. Yanti und Muller sind erst neulich dazu gestossen, doch sie haben sofort Feuer für das Projekt gefangen, haben gleich verstanden worum es hier geht. Einfach Musik machen! Die Freude dabei teilen, mit ganz unterschiedlichen Menschen, die aber alle dasselbe wollen. Und ihre Stimme dafür geben.
 


Seit wir nach der Sommerpause wieder zusammen singen scheint die Arbeit, scheinen die gemeinsamen Momente intensiver, erwartungsvoller. Wir spüren, dass diese Momente kostbar sind, denn viele davon haben wir nicht mehr. Ein paar Begegnungen noch mit den MovINg Music Gruppen an ihren Standorten, öfter nun auch in der Laeiszhalle, Studio E, Kleiner Saal, und heute: zum ersten Mal mit den Profimusikern der Symphoniker Hamburg. Nun aber nicht, wie hier sonst üblich, die Profis auf der Bühne, das Publikum unten im Saal, nein – nun beide auf der Bühne, auf einer Ebene. Beim Fest der Musik wagen wir neues: Profi- und Laienmusiker machen zusammen Musik, denn genau das will das MovINg Orchestra Projekt: Grenzen überwinden, eine Bühne für alle, barrierefreie Musik. Lebensfreude durch Musik: Hamburg lembur kuring, moin moin, ahoi und Leinen los! Nun kommt zusammen, was zusammen gehört, nun biegt der Weg, der schon so reich an Erfahrungen, Begegnungen und Musik ist, in die Zielgerade.

Ein Fest der Musik ist es schon jetzt. Alle sind hungrig nach den gemeinsamen Liedern. Man spürt, wie sich jede und jeder im Saal Mühe gibt, schon beim warm-up. Die ersten Partituren habe ich fertig gestellt und nun liegen sie bereit, vom Orchester und den Sängern gemeinsam in Klänge geformt zu werden. Doch ein bisschen müssen wir noch warten auf die Orchestermusiker, die erst in der zweiten Probenhälfte dazu stoßen, gemeinsam mit dem Dirigenten Johannes Zurl, der heute extra aus Berlin anreist. Ein echtes Konzert braucht auch einen echten Dirigenten. 

So üben wir die beiden Stücke, die das Fest der Musik eröffnen und ausklingen lassen werden, bis sie besser und besser sitzen. Ein bisschen Phrasierung hier, Rhythmus da, Text dort. Gerade in der Einfachheit liegt oft die größte Kunst und Schwierigkeit und das verlangt nach Arbeit. Auch das ist Musik. Doch es fühlt sich nicht nach Arbeit an, denn ein Strahlen liegt über diesem Tun, ein Staunen über die Schönheit der vielen unterschiedlichen Stimmen dieser unterschiedlichen Menschen, die mit Euphorie und Inbrunst ihre Stimmen erheben – imagine all the people, living life in peace! Man könnte auch sagen: living life in music. 

Dann wird es spannend: die Bühne im Kleinen Saal wird umgebaut, Pulte für Dirigent und Musiker werden aufgestellt, das Orchester, bestehend aus 25 Musikern, nimmt Platz. Wie wird das jetzt? Sind wir gut genug? Wie reagieren Profis auf Laien und umgekehrt? Johannes Zurl, der Dirigent, ist ein Eisbrecher: als erstes bittet er die SängerInnen auf die Bühne, mischt sie unter die Symphoniker – er hat die Projektidee verstanden. Nur Mut! Und schon geht es los. Die ersten Klänge von den Streichern, Magie liegt in der Luft. "Schweige und Höre" nun als vielstimmiger Kanon von Instrumenten und gesungenen Stimmen, in neuem Gewand. Gänsehaut. "Imagine" – mit diesem Stück wird das Fest der Musik am 12.12. ausklingen. Mit diesem Lied werden wir unsere Gäste in die Nacht entlassen – was werden sie mitnehmen? Wird John Lennons Vision einer besseren Welt, einer gerechteren Gesellschaft auch bei uns verstanden werden, Wirkung entfalten? Was werden die SängerInnen, was die OrchestermusikerInnen mitnehmen? Was wird vom MovINg Orchestra, vom Fest der Musik bleiben? Eines weiß ich jetzt schon: Schon jetzt war diese Reise die Reise wert.
 

Zum Schluss dürfen alle das Orchester dirigieren. Beethovens "Schicksal-Symphonie", Mozarts "Kleine Nachtmusik". Ein Symphonieorchester lässt sich ein auf Menschen, die noch nie vor einem Orchester standen. Ein starkes Bild. Die Menschen stehen ganz alleine vor den Profimusikern. Auch dafür braucht es Mut. Doch er wird belohnt, wenn man spürt wie es sich anfühlt, Musik im wahrsten Sinne in der Hand zu haben. Spannend, berührend, lehrreich und – verbindend. Denn wenn hier nicht jeder einen Schritt auf den anderen zugeht, kommt keiner weiter. Und so endet dieser halbe Tag in der Laeiszhalle mit der Gewissheit, dass dieses Projekt sein Versprechen nicht erst bei seiner Schlussveranstaltung einlösen wird. Und ein kleines Stück Weg liegt ja noch vor uns.
I hope some day you will join us / and the world will live as one.
 


Herzliche Einladung: MovINg Orchestra Projektabschluss Fest der Musik am 12.12. um 17h, Laeiszhalle Kleiner Saal, EINTRITT FREI