250 Jahre Beethoven

Als der Nobelpreisträger Romain Rolland 1927 nach Wien eingeladen wurde, um über Ludwig van Beethoven zu sprechen, hatte er durchaus große Worte im Gepäck. Der französische Literat und Musikkritiker tischte seinen Zuhörern in der Stadt, in der Beethoven 100 Jahre zuvor gestorben war, eine regelrechte Hymne auf, die in folgenden Zeilen gipfelte:

»Ich habe mehr von ihm gelernt als von allen Lehrern meiner Zeit. Das Beste, das ich in mir habe, verdanke ich Beethoven. Und ich glaube, dass Tausende von Demütigen in allen Ländern gleich mir ihm Trost verdanken, Lebenskraft und – ich sage nicht Reinheit des Herzens und Wahrhaftigkeit (denn keiner von uns kann sich rühmen, sie errungen zu haben) – jedoch das heiße Bemühen um diese Gipfel und um ihren unverdorbenen Hauch. [...] Er ist das strahlende Symbol der Eintracht Europas, der menschlichen Brüderlichkeit...«

Lassen sich diese Worte im Jahre 2020 – wenn sich Beethovens Geburtstag zum 250. Mal jährt – wiederholen? Wohl kaum. (Es ist ja fast so, als huldige Rolland einer Gottheit.) Doch warum eigentlich nicht? Wird des Komponisten Rolle zu sehr überhöht? Es wäre doch eigentlich sehr schön, wenn Musik auch im 21. Jahrhundert noch trösten, erheben und symbolhaft strahlen könnte. Wenn Europa sich auf den einigenden Inhalt beispielsweise der Neunten berufen könnte – dieser gewaltigen Symphonie, die die Symphoniker alljährlich zum Jahreswechsel (und Anfang Februar 2020 auch im fernen Abu Dhabi) spielen.

Zum Beethoven-Jahr 2020 führen die Symphoniker in der Laeiszhalle zudem die sechste (19.12.19), die zweite (17.11.19), die dritte (23.04.20) und die vierte (25.12.19) Symphonie auf – sowie das Violinkonzert in D-Dur (19.12.19), die »Coriolan«-Ouvertüre (24.11.19), das Klavierquartett op. 16 (09.02.20), das Septett op. 20 und das Streichquartett op. 135 (beide 14.06.20). Doch das Jubiläum wäre als alleiniger Grund für diese Fülle zu wenig. Die Symphoniker Hamburg, die sich selbst als »denkendes Orchester« verstehen, glauben an die immanente Kraft der Musik und an ihre Ausdrucksstärke im aktuellen Kontext: Die naturverbundene »Pastorale«, die nicht ohne Komplexität das Verhältnis des Menschen zu seinen Ursprüngen in den Blick nimmt, am Ende eines Kalenderjahres (19.12.19) zu spielen, das von scharfen Kontroversen über den Zustand der Erde geprägt war, macht in diesem Kontext beispielsweise genauso Sinn wie die Gegenüberstellung von Beethovens Kammermusik mit einem zeitgenössischen Auftragswerk von Nikolai Brücher Mitte Juni 2020.

Damit lässt sich die Welt nicht retten. Aber vielleicht muss uns die tiefe Erschütterung, die Romain Rolland offenbar damals ergriffen hatte, doch nicht gar so fern sein. Es wäre doch immerhin einen Versuch wert, die Kunst für ein besseres Leben zu Hilfen zu nehmen, oder? Im Beethoven-Jahr sei dafür die Lektüre des bekannten »Heiligenstädter Testaments« von 1802 empfohlen. Der Komponist verzweifelte an seinem nachlassenden Gehör. Doch er schrieb damals: »... es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück.«