Auf eine exzellente Zukunft

Wie sehen die nächsten 60 Jahre der Symphoniker Hamburg aus?

Ein Grundstein für weitere erfolgreiche Jahrzehnte ist der Start des Projektes »ThinkINg Orchestra«: Im Rahmen der Bundesförderung »Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland« erhält das Residenzorchester der Laeiszhalle in den kommenden drei Jahren dafür jeweils 450.000 Euro – mit einer Verlängerungsoption von zwei Jahren. Ziel des Bundesprogramms ist, die in der Welt einzigartige Orchesterlandschaft Deutschlands langfristig zu erhalten und auszubauen. Das Förderprogramm, das in erster Linie dank der Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs und Rüdiger Kruse zustande kam und für das die Symphoniker Hamburg den Impuls gaben, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ein Novum: Erstmals fördert der Bund Orchester in der Fläche.

Das Projekt startet in einer Zeit, in der Hamburg Musikstadt werden will: Das Musikalische soll als öffentliches Anliegen in das Gemeinwesen integriert werden, Musik soll also nicht länger als nur privates Anliegen, sondern als Gegenstand des öffentlichen Interesses begriffen werden. In einer Musikstadt soll das Musikalische in die öffentlichen Bemühungen um das Gemeinwohl integriert werden, soll das, was wir die »Musikalisierung des Gemeinwesens« nennen wollen, Teil des Geflechts allgemein als legitim anerkannter, mithin als öffentlich angesehener Interessen sein. Der öffentliche Raum als geistiger Raum soll in einer Musikstadt gleichsam um das Musikalische erweitert werden. Das heißt, wir müssen Musizieren ab sofort als öffentliche Handlung verstehen: Alle an einem Konzert Beteiligten werden öffentliche Personen. Dieser Vorgang ist politisch relevant, das Medium ist aber nicht das Sprechen, sondern die Musik: Die Integration der Musik in den Reigen öffentlicher Handlungsmöglichkeiten bedeutet also eine für jeden Menschen potenziell relevante Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit. Die Kommunikation im öffentlichen Raum ist durch die musikalische Terminologie um ein Medium bereichert, das die Möglichkeiten menschlichen Ausdrucks überhaupt erweitert. Wagt Musik Öffentlichkeit und wagt Öffentlichkeit Musik, so wird dadurch die Basis für Humanität erheblich erweitert.

Eigenartig ist, dass sich Orchester dieser Verantwortung meist nicht bewusst sind und dass die Öffentlichkeit, letztlich also unser aller politisches Bewusstsein, Orchester mit dieser Forderung auch nicht konfrontiert.

Als »denkendes Orchester« geht das Selbstverständnis der Symphoniker Hamburg aber über das eines bloßen Klangkörpers hinaus. Sie verstehen sich als lebendige und lernende kreative Kulturinstitution, die mit innovativen Formaten und Dramaturgien ihre Rolle stets neu reflektiert und ins Spiel bringt. Das Projekt »ThinkINg Orchestra« der Symphoniker Hamburg zielt auf die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten.

Im Rahmen von fünf eng miteinander verknüpften und aufeinander aufbauenden Projektteilen sollen diese neuen ästhetischen Reflexionsräume auf vielfältige Weise ausgeleuchtet und dynamisiert, Visionen und kritische Perspektiven erleb- und gestaltbar gemacht werden. »ThinkINg Orchestra« ist ein ganzheitliches Projekt, das sich durch Transparenz, Netzwerkbildung und Partizipation auszeichnet und auf die kulturelle Diversität, verschiedene Milieus, Religionen und Kulturen sowie auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandlungen in der Metropole Hamburg und ihrem Umfeld eingeht. Es gilt, ein neues Zuhören zu ermöglichen, bildungs- und kulturferne Menschen zu erreichen, gleich welcher Herkunft und gleich welche Barrieren es dabei abzubauen gilt. Namhafte Denker und Künstler unserer Zeit werden zusammen mit den Symphonikern Hamburg einen neuen Diskurs zwischen den Welten der Kunst, des Geistes und der Musik anstoßen. Durch mehrsprachige Angebote sollen die großen fremdsprachigen Communities von Hamburg angesprochen werden. So wird das Gemeinwesen auch in der Fläche musikalisiert, die Stadt singt, spielt und denkt mit den Symphonikern Hamburg.

Im 21. Jahrhundert sind die ästhetischen und gesellschaftlichen Erwartungen an das Konzert als zentrales Aufführungskonzept für klassische Musik vielfältiger geworden, eine einfache Pflege von Werken und Interpretationskulturen als Antwort reicht nicht mehr aus. Angesichts der komplexen Herausforderungen an das Hören und Musizieren streben die Symphoniker Hamburg mit ihrem Projekt letztlich eine Reform des klassischen Orchester- und Konzertwesens an.