Foto: Astrid Karger

Das Hören, neu gedacht

»Staub: Zerfallsprodukt von Geschaffenem, kosmische Materie, als Ablagerung Nachricht von Zeit.« Im Kommentar zum überaus faszinierenden »Staub« (1987) beschreibt Helmut Lachenmann die Koordinaten für eine neue Art des Hörens: ein Hören, »welches seine philharmonische Bindung überwunden, aber nicht vergessen hat«. Lachenmanns Ideal ist »eine musikalisch erfahrbare Nicht-Musik«; staubig übersetzt er mit »tonlos behaucht«; und durch Dehnen und Zusammenziehen will er die Zeit an sich erfahrbar machen. Dass ihm Beethovens neunte Symphonie als Steinbruch dient, machen Besetzung und Rhythmik ebenso deutlich wie die Partitur: Aufsteigende und abfallende Linien machen aus »Wo dein sanfter Flügel weilt« ein Notenbild. Insofern praktiziert Lachenmann hier genau das, was die Symphoniker mit ihrem Projekt »ThinkINg Orchestra« vorhaben: Sie denken die Basis des Konzertbetriebs neu – das Hören, die Musik und die Motive dafür, warum wir ins Konzert gehen.

Mit dem 2. Symphoniekonzert startet Sylvain Cambreling als neuer Chefdirigent. Ein bemerkenswerter, ein ungewöhnlicher Start – der perfekt zu den Symphonikern passt. Denn mit Lachenmann, Beethoven und Schönberg stellt Cambreling Fragen, die unsere Konzertsaal-Gewohnheiten zum Einsturz bringen: Was ist Musik? Was Klang? Was ist Zeit? Und was ein Denken in Musik? Sobald uns »Staub« die Ohren öffnet, ist das Erlebnis der Neunten ein gänzlich neues. Und Schönbergs erschütternder Nachkriegskommentar zum Holocaust konterkariert über das Fremdsprachen-Spiel mit der menschlichen Stimme die allumfassende »Freude, schöner Götterfunken«. Oder stimmt das Gegenteil? Wirbt Schönbergs Werk mit seiner schmerzlichen Ausdruckskraft gerade für jenen Humanismus, den Beethoven im Sinn hatte?

Zur Grundidee von »ThinkINg Orchestra« gehört, dem Nachdenken über derlei Fragen verschiedene Bühnen zu geben. In der gesamten Woche vor dem 2. Symphoniekonzert, die einen ersten wegweisenden Höhepunkt des Projekts markiert, finden in der Laeiszhalle deshalb Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen und Ähnliches statt. Mehrsprachig, offen für alle und stets mit der begründeten Hoffnung auf stärkende, Räume öffnende Ablagerungen im Ohr. Details werden rechtzeitig bekannt gegeben.