Foto: J. Konrad Schmidt

Liebes Publikum!

Ihnen mit und als Beigabe zur Neunten Beethovens ein gutes neues Jahr zu wünschen, ist Tradition und mir stets ein echtes Anliegen. Ich tue es auch in diesem Jahr von Herzen, vielleicht sogar noch ein wenig bewusster als sonst.

Wir erleben eine Zeit, die uns Außergewöhnliches abverlangt und die uns eine aktive, wache, unermüdliche Suche nach einer tragfähigen und belastbaren Haltung zum Fehlen dessen aufgibt, was wir vor März 2020 für selbstverständlich halten durften. Da liegt Verwirrung nah, fällt Zuversicht zuweilen schwer, ist Zeit kaum noch periodisch erinnerbar, scheint die Suche nach Sinn allgegenwärtig.

Was also ist jetzt zu tun?

Weder Schiller noch Beethoven waren, soweit es uns gegeben ist, das zu wissen, im landläufigen Sinne religiöse Personen. Die alles umspannende und alles durchdringende Freude, die sie in der Ode preisen, bezeichnen sie dennoch als Lohn Gottes. Und im Schlusschor der Neunten heißt es auch: »Brüder, überm Sternenzelt / muss ein lieber Vater wohnen«, – sinngemäß gleich dreimal in den wenigen Zeilen. Dieses »muss« ist spannend. Was bedeutet es genau? Bringt es eine Gottesgewissheit zum Ausdruck? Oder eine Selbstvergewisserung?

Mir scheint, es lohnt sich zu erinnern, dass Schiller und Beethoven das hier zitierte »muss« nicht in einer Predigt dachten, sondern in einem Gedicht und in einer Symphonie. Das Göttliche, auf das sie verweisen, offenbart sich ästhetisch – in der Ekstase von Inhalt und Form, zu der wir durch den urteilenden Geschmack in eine sehr weltliche und sehr nachhaltige Beziehung treten. Der Gott der »Ode an die Freude« ist also in Schönheit. Und Schönheit hat mit Gewissheit wenig gemein; Schönheit ist stets Auftrag, Suchverpflichtung. Mithin: Nicht er oder es »muss«, sondern ein jeder von uns »muss«. Suchen nämlich. Was genau? Nun: ihn überm Sternenzelt und außerdem: eines Freundes Freund zu sein; wenigstens eine Seele sein nennen zu können; freudig seine Bahn zu laufen – und alles, was die Musik uns sonst sagt.

Vielleicht gab es keine passendere Zeit als die heutige dafür sich zu versammeln, um die neunte Symphonie Beethovens als Ausgangspunkt für ein neues Jahr zu feiern. Wir wollen dem Auftrag folgen und suchen – freundlich, aus Liebe und mit der Pflicht vor Augen, um die Schönheit, die göttliche, zu wissen.

Daniel Kühnel
Intendant der Symphoniker Hamburg