Foto: Daniel Dittus

Symphoniker-Umfrage „Der Kulturbetrieb nach Corona“

  • 96 Prozent sagen, die Perspektiven des Kulturbetriebes seien wichtig für die Neuausrichtung der Gesellschaft: 80 Prozent halten sie für „sehr wichtig“ und 16 Prozent für „ziemlich wichtig“
  • Für 93 Prozent ist der Kulturbetrieb in den vergangenen Monaten wichtiger geworden
  • Ein Kulturneustart bietet nach Ansicht der Mehrheit: Orientierung für die Gesellschaft, Einkommen für Künstler*innen, Entspannung sowie Erinnerung an schützenswerte Traditionen
  • Mehr als 200 Ideen für den Kulturbetrieb nach Corona
  • Intendant Daniel Kühnel: „Ergebnis sollte uns alle aufwecken“

Vor genau einem Jahr, an einem Freitag, den Dreizehnten, stellten die Symphoniker Hamburg erstmals in ihrer 63-jährigen Geschichte den öffentlichen Spielbetrieb komplett ein und präsentierten alsbald zahlreiche Konzert- und Gesprächsübertragungen im Internet (siehe Infokasten unten). Seitdem fanden im September und Oktober viele Live-Konzerte vor begrenztem, aber begeisterten Publikum statt, ansonsten waren Live-Gäste nicht zugelassen. Derzeit scheint eine Öffnung in absehbarer Zeit wieder möglich.

Wo steht der Kulturbetrieb in dieser Situation? Hat sich seine Rolle in den vergangenen Monaten verändert? Warum brauchen wir ihn gerade jetzt? (Kulturbetrieb verstanden als Gesamtheit aller Institutionen, die Kultur produzieren oder vermitteln.)

Im Rahmen einer am 19. Februar 2021 gestarteten Online-Umfrage der Symphoniker Hamburg gaben bislang 322 Menschen ihre Ansichten zu folgenden Fragen preis, darunter rund zehn Prozent auf Englisch.

  1. Wie wichtig sind die Perspektiven des Kulturbetriebes für die Neuausrichtung unserer Gesellschaft "nach Corona"? Bei dieser Frage kreuzten 16 Prozent „Ziemlich“ und sogar 80 Prozent „Sehr“ an. „Gar nicht“, „Wenig“ oder „Mittel“ kreuzten insgesamt nur vier Prozent an.

  2. Hat sich die Rolle des Kulturbetriebes in den vergangenen Monaten verändert? Zwei Drittel kreuzten an: „Es ist wichtiger geworden, dass der Kulturbetrieb seine Stimme in gesellschaftlichen Debatten erhebt.“ Und für 27 Prozent ist seine Rolle in Bezug auf Unterhaltung und Zerstreuung wichtiger geworden. Nur sieben Prozent waren der Meinung, er sei unbedeutender geworden.

  3. Warum brauchen wir gerade jetzt ganz besonders den Kulturbetrieb? Diese Frage wurde sehr breit beantwortet. „Er hilft uns bei der Orientierung in der Frage, wohin wir als Gesellschaft gehen wollen“ wurde sehr oft angekreuzt, aber auch, dass die Künstler*innen endlich wieder ein Einkommen brauchen sowie dass der Kulturbetrieb Entspannung und Erinnerung an schützenswerte Traditionen bietet. Auch der zuspitzenden Aussage „Der Kulturbetrieb ist stets politisch - ein Verzicht auf seine Sichtweisen wäre ein Abschied von der Demokratie“ stimmten noch mehr als 40 Prozent zu.

  4. Wie stellen Sie sich ganz persönlich den Kulturbetrieb "nach Corona" vor? Auf diese offene Frage antworteten 224 Personen. Manche antworteten „Wie vorher“ oder ähnlich. Viele entwarfen aber auch neue Ideen, in denen der Stellenwert der Kultur in der Gesellschaft deutlich steigt, in denen das Angebot ausgeweitet, diskursiver, bunter und multimedial wird, in denen gesundheitliche Aspekte immer mitgedacht werden und in denen das Publikum jünger, vielseitiger und bewusster ist – um nur einen Ausschnitt zu nennen.

Die Symphoniker Hamburg, die den Kulturbetrieb – und darin insbesondere die Orchester – seit Langem als wichtige Stimme in gesellschaftlichen Debatten verstehen, nehmen diese Ergebnisse zum Anlass, über ihre Rolle in der Gesellschaft, über die Erwartungen und Wünsche des Publikums und über ihre Möglichkeiten der Positionierung in gesellschaftlichen Debatten noch intensiver nachzudenken. „Ein hoffentlich bald möglicher Neustart nach langer Zeit ohne Publikum schafft Raum für eine echte, grundlegende Neuerung“, sagt Symphoniker-Intendant Daniel Kühnel. „An unserer Umfrage haben vermutlich mehr Menschen teilgenommen, die den Kulturbetrieb hochschätzen, als andere. Doch das Ergebnis sollte uns alle in dieser Branche Tätigen und darüber hinaus aufwecken: Nahezu alle Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer finden es wichtig, dass wir unsere Perspektive einbringen – nicht etwa für die Betrachtung von Nischenthemen, sondern für nichts weniger als die Neuausrichtung der Gesellschaft.“

Ausgangspunkt für die Umfrage waren Statements aus der Übertragung des Konzertfilms der Symphoniker Hamburg Mitte Februar mit Chefdirigent Sylvain Cambreling und Martha Argerich. Hamburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda sagte darin beispielsweise, Kunst und Kultur im öffentlichen Raum möge uns künftig „alles“ bedeuten: „Das Erlebnis von Kunst ist unmittelbarer und tiefgründiger als jeder soziale Erfahrungszusammenhang geeignet, die menschlichen Möglichkeiten zu entdecken.“ Martha Argerich sagte: „Ich denke, nach der Pandemie wird es eine neue Sehnsucht danach geben, Live-Musik zu hören, und danach, sie gemeinsam zu hören und dieses Erlebnis mit anderen Menschen zu teilen. So wird es kommen, denn so sind wir Menschen.“ Und Sylvain Cambreling: „Ich weiß nicht, ob wir den Kampf gegen das Virus gewinnen. Die Gefahr ist, dass wir ihn zwar gewinnen, aber etwas anderes verlieren, nämlich die Möglichkeit, einfach in Frieden zu sein. Im Konzertsaal zählt der Kontakt von uns Musikerinnen und Musikern zum Publikum und andersherum, und es sind die Vibrationen der Menschen. Ich hoffe, wir verlieren dies nicht.“

Zur Erhebung: Die Online-Umfrage „Der Kulturbetrieb nach Corona“ startete am 19. Februar 2021 nach Ausstrahlung des Konzertfilms mit Martha Argerich und wurde über verschiedene Kanäle der Symphoniker Hamburg beworben. Sie umfasste drei geschlossene und eine offene Frage; es konnten Fragen übersprungen werden. Für die Auswertung wurden Antworten bis 10. März 2021 berücksichtigt. Insgesamt nahmen 322 Menschen – darunter rund zehn Prozent auf Englisch – teil, die in sehr großer Mehrheit sämtliche Fragen beantworteten.

Online- und Aufnahmetätigkeiten der Symphoniker Hamburg seit März 2020

Kurz nach Beginn des ersten Lockdowns Mitte März 2020 starteten die Symphoniker Hamburg mit Online-Übertragungen. Das Format hatten sie schon Jahre zuvor erfolgreich erprobt, etwa mit öffentlichen Proben unter der Leitung von Sir Jeffrey Tate. Im Frühjahr 2020 erwarben sie sich alsbald den Ruf, über die reine Übertragung hinauszudenken: Wie lässt sich die Musik mit Bild, Ton, Text, algorithmischen Suchen, Interaktion und anderen Möglichkeiten verbinden, die eben nur das Internet bietet?

Neben dem täglichen Stream „Laeiszhalle Live“ (beispiellose 50 Sendungen) verdeutlichte im Sommer vor allem das Mahler-Projekt „Die liebe Erde allüberall“, wie das Laeiszhalle Orchester die Möglichkeiten des Internets als künstlerisches Medium erforscht.

Auch im zweiten Lockdown wurden mit Chefdirigent Sylvain Cambreling mehrere große, viel beachtete Projekte realisiert, die die Jetztzeit reflektieren. Kurz vor Weihnachten erschien die in programmatischer Hinsicht die Welt verbindende CD „Folk Songs“. Silvester folgte das in Zusammenarbeit mit Christoph Marthaler realisierte Projekt „Beethovens 9. Symphonie“ samt Gebärdensprache. Dank der Unterstützung der Haspa und des Studio Hamburg konnte mit dem Haspa Neujahrskonzert traditionell ins neue Jahr gestartet werden. Im Februar folgte die Übertragung eines Konzerts mit Martha Argerich und dem neuen Symphoniker-Flügel „Das blaue Wunder“.

Alle Übertragungen sind weiterhin kostenfrei in der Mediathek auf symphonikerhamburg.de zugänglich.

Die Symphoniker Hamburg danken der Stadt Hamburg und der Behörde für Kultur und Medien für die Partnerschaft.

(Pressemitteilung von 11. März 2021)