»... und werde!«

Der Konzertsaal ist ein eigentümliches Versprechen: Er steht die meiste Zeit leer, wartet gleichsam auf das Ereignis des Konzerts und verheißt es uns. Dabei nimmt er mehr oder minder geduldig hin, dass Musiker ihn und sich selbst in ihm probend erkunden, um in den alles entscheidenden Stunden des Konzerts, auf die es allein ankommt, in keinem Fall das Falsche, vielleicht sogar das Richtige zu tun.

Was ist das Richtige, das so bedeutend ist, und was entscheidet sich in den so lang erwarteten, gründlich erarbeiteten Stunden des Konzerts? Warum ist ein Konzert so wichtig, dass es Stunden, Tage – oder ein Leben lang? – vorbereitet werden muss? Wozu der Lärm im Vorfeld? Will sagen: Ein Musiker wird im Laufe seines Lebens gut und gern mit denselben Kollegen Beethovens »Eroica« oft (und nie oft genug) spielen.

Und das Stück wird in der Regel gleich beim ersten Probendurchlauf »da« sein. Was wird in den vielen Stunden der Proben also eigentlich getan?

Technische Perfektion wird man immer anstreben, und sie wird sich in unbewussten Momenten vielleicht einstellen. Mir scheint darüber hinaus aber der Gedanke wichtig, dass die Vorbereitung auf ein Konzert ein Sich-Vorbereiten auf einen Moment ist, von dem man wissen muss, dass er nicht wiederbringbar ist, und in dem es gelingen muss, die Musik so zu sagen, dass dieses Sagen allen beteiligten Aufführenden und Zuhörenden im Augenblick des Konzerts angemessen erscheint. Wonach in Proben gesucht wird, ist demnach die geistige Fähigkeit, mit dem und nicht nur vor dem Publikum Musik und Welt so aufeinander zu beziehen, dass beide einander relevant werden. Und weil die Welt jeden Tag eine andere ist, ist jedes Konzert ein neues, nie da gewesenes Ereignis. Was genau passieren wird, wissen wir nicht, aber wir spüren ein »... und werde!«.

Ein Versprechen können Ihnen, verehrtes Publikum, die Symphoniker Hamburg geben: »Der jetzigen Minute, was ziemt denn ihr?« ist eine Frage, die wir stellen. Wir verstehen uns als »denkendes Orchester«: Unsere Konzerte haben mit unserer Gegenwart, mit unserer Stadt, mit uns allen zu tun, sie gehen aus unserer Mitte hervor und zielen nicht nur darauf ab, technisch perfekt zu sein und gut zu klingen, sondern auch darauf, Fragen zu stellen und Antworten vorzuschlagen, die anders als durch Musik nicht gegeben werden können.

Ich wünsche Ihnen Muße und Freude bei der Lektüre unseres neuen und neuartig gestalteten Hefts und freue mich auf viele Begegnungen mit Ihnen an unserem Stammsitz, der wunderbaren Laeiszhalle Hamburg. Nur durch Sie, verehrtes Publikum, wird das Konzert zum Konzert.

Daniel Kühnel

Intendant der Symphoniker Hamburg