Peter Haberland

Englischhornist/Oboist

Peter Haberland

Für ein gelungenes Konzert brauche ich eine gründliche Einstudierung des Notenmaterials, gute körperliche Kondition und ein zuverlässiges Blasrohr für alle Lagen. Was ich damit meine? Die Antwort ist einfach: Ein Englischhornist ist nur so gut, wie sein selbstgefertigtes Mundstück. Wenn ich mir nicht sorgfältig genug die zwei Holzblättchen für mein Englischhorn schnitze, entsteht kein schöner Ton. Die fein ausgehobelten Hölzer werden auf eine Metallhülse aufgebunden und mit einem sehr scharfen Messer sehr dünn geschabt. So etwa die Grundanleitung. Allerdings hängt die Sache leider nicht nur von meiner Geschicklichkeit ab. Das Schilf, also das Material, aus welchem das Blasrohr entsteht, ist ein Naturprodukt mit vielen Tücken. Einmal im Betrieb sind diese kleine »Krähröhrchen« extrem empfindlich! Die Beanspruchung durch ein anspruchsvolles Konzertprogramm setzt ihnen zu. Die Qualität lässt mit der Zeit nach, die Lebensdauer beträgt meistens nur zwei bis drei Wochen und oft auch weniger. Sie glauben nicht, wie viel Zeit wir in unseren privaten, kleinen Tischlerwerkstätten verbringen, bevor wir uns auf die Bühne wagen. Manchmal frage ich mich, ob ich Musiker oder Handwerker bin. Wie Sie erahnen können, haben Doppelrohrblatt-Spieler eine sehr ambivalente Beziehung zu dem Hauptobjekt ihrer Beschäftigung. Doch wenn das Ergebnis stimmt, bin ich überglücklich!

Ich spiele gerne Musik, die Heiterkeit und Lebensfreude ausstrahlt, aber es liegt mir mehr, Motive zu interpretieren, die Melancholie, Traurigkeit oder Sehnsucht mit sich bringen. Das Englischhorn ist dafür die ideale Besetzung. Die Komponisten haben das schon immer gewusst und haben für uns Englischhornisten unbeschreiblich schöne Melodien komponiert. Kein Instrument kann so sinnlich klagen wie die Oboe oder das Englischhorn. Dieser elegisch-träumerische Klang hat mich ganz ungeplant hingerissen, als ich mit acht oder neun Jahren zufällig Paolo Pasolinis Film »Das 1. Evangelium – Matthäus« gesehen habe. In diesem Film wurde die Musik von J. S. Bach eingesetzt, abwechselnd mit Gospelsongs. Was mich damals verzaubert hat, war der zweite Satz aus dem Konzert für Violine und Oboe c-Moll BWV 1060. Die Musik hatte sehr starke Wirkung auf mich, ich war fasziniert. Aber ich wusste nicht einmal, wie dieses Instrument heißt. Erst einige Jahre später, mit 15, als ich mich in meiner Ausbildung entscheiden musste, in welche Richtung es beruflich gehen soll, bin ich auf die Oboe gestoßen. Und es war ein glückliches Treffen mit meiner alten Liebe.

Geboren wurde ich 1960 in der Tschechoslowakei. Meine Mutter und mein Vater, beide sehr musikalisch, aber keine Profimusiker, haben sehr gerne gesungen. Und meine drei Geschwister und ich mit ihnen. Am intensivsten auf langen Autofahrten zu meinen Großeltern mütterlicherseits nach Mähren. Autoradio hatten wir nicht, also sangen wir. Meistens die unzähligen slowakischen und mährischen Volkslieder. Die Folklore ist in meiner Heimat bis heute sehr lebendig. Doch nicht nur diese schönen Erlebnisse prägten mein Musikerleben, sondern auch die wunderschöne slowakische und mährische Natur. Es ist eine bergige Landschaft, die sich vielerorts bis heute ihre Ursprünglichkeit bewahrt hat. Für uns Kinder war sie eine uner- schöpfliche Quelle an Ideen für unsere Spiele. Aber sie war auch geheimnisvoll und beeindruckend. Wir standen da, haben alles neugierig beobachtet und aufgesaugt, oft unfähig, die Vorgänge mit Worten zu beschreiben oder gar zu verstehen. Natur, ein Mysterium – ähnlich wie die Musik. Mit Worten kommt man hier nicht weit.

Peter Haberland ist der Englischhornist und Oboist der Symphoniker Hamburg seit 1989.

Peter Haberland, in der Slowakei geboren, absolvierte sein Oboen-Studium an dem Konservatorium in Košice (Kaschau) an der Akademie der musischen Künste in Prag und an der Musikhochschule in Detmold.

Der mehrfache Preisträger nationaler Wettbewerbe in der Slowakei und Tschechien war zunächst als Solooboist der Staatlichen Philharmonie Košice tätig bis er 1989 bei den Hamburger Symphonikern als Oboist und Englischhornist engagiert wurde.

Mit den Hamburger Symphoniker ist er mehrfach als Solist bei den beliebten Rathaus- und Weihnachtskonzerten hervorgetreten. Als Mitglied des Kaschauer Bläsertrios trat er in einigen europäischen Ländern und auf Kuba auf. Als Orchestermusiker arbeitet er projektbezogen mit dem Tschechischen Nationalen Symphonieorchester in Prag, und nahm an dessen ausgedehnten Tourneen nach Spanien, England und Japan teil.

Peter Haberland lebt mit seiner Frau Mareile und vier Kindern in Ohlsdorf. Mareile Haberland ist Flötistin bei den Symphonikern Hamburg.