Richard Rieves

Wechselhornist

Richard Rieves

Richard Rieves ist Hornist bei den Symphonikern Hamburg seit 1976.

Ich war noch ein Schüler in meiner Heimat Texas, als ich einmal Gelegenheit hatte, eine Orchesterakademie in Tanglewood (Massachusetts), dem Sommersitz des Boston Symphonieorchesters, zu besuchen. Dort konnte ich oft dieses wunderbare Orchester hören. Und ich lernte etwas, was ich seitdem nie vergessen habe: Auch die berühmtesten Orchester spielen nicht jeden Tag gleich gut. Vielleicht war dies die wichtigste Lektion in meiner Ausbildung. Sie hat mir geholfen, freier zu spielen.

Denn als Bläser und vor allem als Hornist muss man damit klarkommen, dass mal was daneben geht. Man muss sich mental fit halten, offen bleiben, nicht verkrampfen. Ein Fußball-Torwart ist sogar mit Fernsehaufnahmen und Kommentaren konfrontiert, wenn ihm mal ein Ball durchrutscht. So schlimm ist es bei uns natürlich nicht, aber ich habe talentierte Orchesterbläser am Perfektionsstress zerbrechen sehen.

Ich finde es nicht passend, wenn Konzerte an CD-Aufnahmen gemessen werden. Denn schon das Grundgefühl ist ja ein anderes: Man weiß, dass die Musik auf der CD perfekt zu Ende geht. Im Konzert kommt das Risiko, die Offenheit und die Improvisation hinzu. Immer steht die Frage im Raum: Wie wird es heute? Und so haben nicht nur die Musiker, sondern auch die Zuhörer das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, das im Moment entsteht und mehr ist als die Summe der Einzelteile. So hoffe ich es jedenfalls an jedem Konzertabend wieder.

Ich finde es schön, dass man als Hornist verschiedene Rollen im Orchester übernehmen kann. Natürlich ist es toll, die großen Soli zu spielen, aber es kann genau so schön sein, einfach einen langen Ton zu spielen und ein Teil zu sein von den wunderbaren Harmonien, die um einen herum entstehen. Vielleicht ist es wie in einer Sportmannschaft: Viele Menschen suchen ja heutzutage sehr nach einem solchen Gemeinschaftsgefühl. Sie möchten dabei sein. Und bei der Musik geht das eben nur im Konzertsaal.

Nun spiele ich seit unglaublichen 39 Jahren bei den Hamburger Symphonikern. 1976 war es ein Glücksfall, dass ich einen Sommerkurs in Österreich belegte und mein dortiger Dozent mir das Probespiel empfahl. Ich dachte: Man kann es ja mal für ein Jahr in Hamburg versuchen. Und nun bin ich immer noch hier. In zwei, drei Jahren gehe ich in Rente; mir macht es zurzeit sehr viel Spaß. Ich merke, wie gerne ich zum Beispiel Mozart, Mahler und Ravel spiele. Und unser Publikum ist sehr loyal, es hat uns durch all die Jahre getragen. Die Symphoniker mussten immer um ihren Platz in Hamburg kämpfen. Heute ist das leider immer noch so, aber es ist für mich eine große Freude zu sehen, wie das Orchester sich entwickelt. Es kommen viele neue junge selbstbewusste Musiker zu uns. Unser Chefdirigent Jeffrey Tate macht es meiner Meinung nach sehr gut: In den Proben ist er sehr genau, macht in den Konzerten keine Show, allerdings lässt er uns auch frei spielen. Dadurch entsteht Vertrauen, dann gibt man automatisch mehr. Außerdem habe ich meine Leidenschaft dafür entdeckt, im Rahmen unseres Education-Programmes in Kitas und Schulen mit Kindern zu arbeiten. Ich halte das für außerordentlich wichtig und erinnere mich gerne daran, wie meine Schwester und ich früher selbst von guten Lehrern für die Musik begeistert wurden. Das war lebensverändernd. Es mag sein, dass wir mit unseren Konzerten „Elite-Veranstaltungen“ machen. Aber es wäre ein großer Fehler zu glauben, dass sich diese Elite nur aus einer sozialen Elite zusammen setzt! Die Begabungen sind breit gestreut. Wenn zum Beispiel ein türkisches Mädchen in Wilhelmsburg sich von dieser Musik angesprochen fühlt, selbst spielen möchte oder eine leidenschaftliche Hörerin wird, dann haben wir etwas sehr Wichtiges erreicht.

Als ich nach Hamburg kam, kannte ich keine anderen Musiker hier. Aber mit den Jahren kam dann auch manchmal die Gelegenheit, mit anderen Orchestern oder Kammermusikgruppen zu spielen, was den eigenen Horizont immer erweitert. Deswegen habe ich es auch besonders genossen, wenn sich eine Chance bot, Musik aus ganz anderen Stilrichtungen zu spielen, zum Beispiel Big Band, Pop oder Musical. 1986 fing ich an, regelmäßig beim Musical „Cats“ mitzuwirken. Das waren letztlich 15 tolle Jahre.

Vor allem für eine Konzertreihe kommt mir diese Erfahrung sehr zugute: In den Filmkonzerten müssen wir ähnlich wie beim Musical oder Jazz genau nach dem Beat spielen. Dort gibt es keine Möglichkeit für ein Rubato, also für Verzögerung. Ich freue mich sehr auf Charlie Chaplin – mein Februar-Konzerttipp –, allerdings darf ich den Film unter keinen Umständen auf der Leinwand verfolgen. Denn dann besteht die Gefahr, dass ich lache!