Das denkende Orchester

Das Projekt „ThinkINg Orchestra“ der Symphoniker Hamburg widmet sich der Musikalisierung des Gemeinwesens. Das griechische Wort „orchestra“ bezeichnete den kultischen Mittelpunkt einer Polis, eines Stadtstaats, in dem Sphären von Theater, Kunst und Musik sowie gesellschaftliche Fragen ebenso verhandelt wurden, wie religiöse und philosophische Themen. Die Verwendung des Wortes Orchester im heutigen Sinn etablierte sich erst mit dem Hamburger Musiktheoretiker Johann Matthesson, der in seinen Schriften „Das neu-eröffnete Orchestre“ (1713), „Das beschützte Orchestre“ (1717) und „Das forschende Orchestre“ (1721) damit erstmals ein großes Instrumentalensemble meinte. Die Symphoniker Hamburg leben und musizieren im Sinn dieser Traditionen und fühlen sich als „denkendes Orchester“ dem Dreiklang aus „Neu-Eröffnen“, „Beschützen“ und „Forschen“ verpflichtet. Das Projekt „ThinkINg Orchestra“ versteht sich in diesem Sinn als eine Akademie, als ein ästhetisch-politisches Zentrum der Musikstadt Hamburg. Die Konzerte sind dabei nicht nur einfach Programme, deren Inhalte es zu vermitteln gilt, sondern Fix- und Fluchtpunkte eines sich immer wieder neu konstituierenden öffentlichen Raums, der ein ebenso sinnliches wie sinnstiftendes gemeinsames Musikerleben ermöglicht.

Im Rahmen von fünf eng miteinander verknüpften und aufeinander aufbauenden Modulen werden diese neuen ästhetischen Reflexionsräume auf vielfältige Weise ausgeleuchtet und dynamisiert, Visionen und kritische Perspektiven erleb- und gestaltbar gemacht. „ThinkINg Orchestra“ ist ein ganzheitliches Projekt, das sich durch Transparenz, Netzwerkbildung und Partizipation auszeichnet und auf die kulturelle Diversität der Metropole Hamburg eingeht. Ziel ist es, ein neues Zuhören zu ermöglichen sowie bildungs- und kulturferne Menschen zu erreichen – gleich welcher Herkunft und gleich welche Barrieren es dabei abzubauen gilt. Das kann nur durch eine konsequente Strategie der Öffnung und Ausbreitung des Orchester-Raums im eigentlichen, aber auch im übertragenen Sinn geschehen, in analoger wie digitaler Form, als global und interkulturell ausgerichtete Akademie, als klingendes Kraftwerk und Denkfabrik der Musikstadt Hamburg.

ThinkINg Orchestra

The Symphoniker Hamburg’s “ThinkINg Orchestra” project is dedicated to the “musicalization” of public life. The Greek word ὀρχήστρα (orchestra) referred to the ritual center of a polis, or city-state; it was a place where cultural questions as well as religious and philosophical themes were discussed in the context of theater, art, and music. The modern use of the word orchestra can be traced to the Hamburg music theorist Johann Matthesson, who first used the term to refer to a large instrumental ensemble in his works “The Newly-Opened Orchestra” (1713), “The Secure Orchestra” (1717), and “The Inquiring Orchestra” (1721). The Symphoniker Hamburg considers itself a “thinking orchestra” in this tradition of openness, security, and inquiry. The “ThinkINg Orchestra” project strives to be an academy, an aesthetic and political center in the musical metropolis of Hamburg. In our opinion, concerts are not merely of interest for the musical content they convey, they are focal points in a constantly shifting public discussion that makes a vital and meaningful musical life possible. 

“ThinkINg Orchestra” is an integrative project that acknowledges the cultural diversity of the metropolis Hamburg with transparency, networking opportunities, and broad participation. The project’s five related and integrated modules allow new areas for aesthetic reflection to be illuminated and energized, and permit artistic visions and critical perspectives to be experienced and transformed. Our goal is to enable a new kind of listening, to reach beyond the range of traditional cultural offerings to communities of all backgrounds, whatever the challenges. This is only possible with a determined strategy to expand the orchestra’s “space” both literally and figuratively, in analog and digital form, as a globally and inter-culturally oriented academy, a think tank and engine for change in the musical metropolis of Hamburg.

RoomingIN

Im Zentrum des ersten Moduls steht die starke Profilierung und Öffnung der künstlerischen Prozesse auf vielfältige Weise. In den Konzerten und den innovativen Konzert-Workshops geht es um das ästhetische Erleben von geistigen Zusammenhängen, um das Erfahren der Welt durch Musik, die wie keine andere Kunstform Zeitkunst ist und Vergangenes zu vergegenwärtigen sowie auf Zukünftiges vorzugreifen vermag. RoomingIN bedeutet, Musiker*innen und Zuhörer*innen zusammenzubringen und sich durch vielfältige Kontextualisierungen und Formate mit den Meta-Themen der Konzertprogramme auf sinnliche und lustvolle Art und Weise auseinanderzusetzen. Durch mehrsprachige Angebote wie übersetzte Programmhefte oder Einführungen werden dabei auch die großen fremdsprachigen Communities von Hamburg angesprochen. 

Orchesterakademie 

Nach Guido von Arezzo kann nur der praktische und theoretisch gebildete Mensch ein guter, ein „wissender“ Musiker sein. Die Europäische Orchesterakademie der Symphoniker Hamburg versteht sich daher nicht nur als praktische Ausbildungsstätte für Musikstudent*innen, sondern als ganzheitliche Akademie und Bildungsanstalt, an der alle Mitarbeiter*innen und Gäste der Symphoniker teilnehmen und mitwirken können. Neben der Ausbildung steht dementsprechend auch der Bildungserwerb im Zentrum. Zum Kernbestandteil der Orchesterakademie gehören neben dem Mentoring und Coaching durch und von Mitgliedern des Orchesters die „RoomingIN“-Workshops mit Gastdozent*innen. Neben musikpraktischen und -theoretischen Fragen widmet sich die Orchesterakademie neuen Leitbildern für Orchester und Musiker*innen und der Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses davon, was Orchestermusik und das Konzert im 21. Jahrhundert bedeuten können und müssen. 

MovINg Orchestra

Mit der Konzertreihe „MovINg living room – Symphoniker zu Besuch“ und dem interkulturellen Partizipationsprojekt „MovINg Music – Musik bewegt“, ein musikalisches Mitmachprojekt für Alle, gehen die Symphoniker Hamburg in die Randbezirke sowie in soziale und kulturelle Brennpunkte und Lebensräume von Hamburg. Auch hier steht der innovative Laborcharakter im Vordergrund, die Einbindung von Zuhörer*innen in das musikalische und geistige Geschehen. Mitglieder der Symphoniker Hamburg und der Orchesterakademisten entwickeln zusammen mit Menschen vor Ort gezielt Programme, Konzerte und Formate, die die Projektteilnehmer mit den Symphonikern Hamburg und der Laeiszhalle verknüpfen. Dafür wurden Kooperationen mit KiTas, Schulen, sozialen und kulturellen Einrichtungen, Flüchtlings- und Seniorenheimen eingegangen, um sowohl demographisch als auch geographisch die gesamte Hansestadt abzubilden – und mit ihr in Dialog zu treten. So wird das Gemeinwesen auch in der Fläche musikalisiert, die Stadt singt, spielt und denkt mit den Symphonikern Hamburg. Weitere Informationen finden Sie unter https://www.symphonikerhamburg.de/education/moving-orchestra-71/

Orchester-Feuilleton

„Was hat die Musik dazu zu sagen?“ Diese Frage wird aus Sicht der Symphoniker Hamburg bei gesellschaftlichen, politischen, sozialen aber auch wirtschaftlichen Debatten zu selten gestellt. In einer eigens dafür konzipierten Halbjahres-Schrift stoßen namhafte Denker*innen und Künstler*innen unserer Zeit zusammen mit den Symphonikern Hamburg einen neuen Diskurs zwischen den Welten der Kunst, des Geistes und der Musik an. Auch hier sind die Fix- und Angelpunkte von intellektuellen und künstlerischen Reflexionen die aktuellen Konzerte des Orchesters sowie Themen aus seinem Umfeld. Für das Magazin „Sym,“ arbeiten wir mit exzellenten Kräften aus Musik, Kunst, Literatur und weiteren Geisteswissenschaften zusammen, die so denken und fühlen wie wir und die sich einer Fortschreibung und Öffnung der „Hochkultur“ widmen, angebunden an und im Sinn eines erweiterten Kulturbegriffs als Anstoß und Ziel der Modernisierung des Orchester- und Konzertwesens. Das Magazin „Sym,“ erscheint zweimal im Jahr. 

Symphonic Orchestra 3.0

Das fünfte Modul schließt sich an die vier vorangestellten an. Es erweitert den musikalisierten öffentlichen Raum in die virtuelle Welt, entwickelt innovative digitale Aufführungskonzepte und Vermittlungsformen von Musik und Konzert. Auch hier stehen der Laborcharakter, die Transparenz, barrierefreie Partizipation und der interkulturelle Diskurs im Vordergrund. Das Projektmodul dient auch der Evaluierung und Dokumentation des Gesamtprojekts.

RoomingIN

The project’s first module attempts to open up and illuminate the artistic processes involved in the preparation and performance of our concerts. RoomingIN will bring together musicians and listeners in a wide range of contexts and formats to provide an entertaining and enjoyable forum for discussion of the larger themes of the concert programs. Multi-lingual program notes and introductory events will reach out to Hamburg’s large foreign language communities. 

European Orchestra Academy 

According to Guido von Arezzo, only someone trained both theoretically and practically can be a good and “knowledgeable” musician. The Symphoniker Hamburg’s European Orchestra Academy therefore sees itself not only as a practical training ground for music students, but as a holistic educational opportunity for the Symphoniker’s musicians and audience members as well as the students themselves. Students will take part in mentoring and coaching activities with members of the orchestra, as well as the RoomingIN workshops with guest teachers. In addition to practical and theoretical questions, the academy will encourage the students to develop and debate concepts that will enable them to play an active role in the development of a thriving musical life in the 21st century. 

MovINg Orchestra

Building on our experiences with the successful MusikImPuls campaign, the Symphoniker Hamburg will take a series of PlayAlong projects to outlying areas of the city as well as communities often neglected by the institutions of “high culture”. These projects will have a laboratory character, integrating the listeners into the musical and philosophical discussion. Together with local residents, orchestra members and academy students will develop programs, concerts, and formats connecting local concerns with the rehearsal and concert activities in the Laeiszhalle. 

Cooperative partnerships are already underway with childcare centers, schools, senior citizens homes, refugee centers, and other social and cultural organizations. In this way, numerous aspects of community life can be “musicalized”; the city can sing, play, and think along with the Symphoniker Hamburg. 

Orchestra Periodical

“What does music have to say about this?” – in our opinion, this question is asked far too infrequently when social, ethical, political, or even business and financial topics are being debated. Two times each year, we will publish a series of essays in which prominent artists and writers, along with the Symphoniker Hamburg, discuss a broad range of subjects from all areas of our society. Here, too, the orchestra’s current concert programs will be the point of departure for these intellectual and artistic reflections. Contributors will be personalities from the fields of music, art, literature, and the humanities who share our desire to continue but also expand and open the concept of “high culture”, using a broadened concept of “culture” to facilitate a modernization of orchestral and concert life. 

Symphonic Orchestra 3.0

The fifth module of the “ThinkINg Orchestra” project builds upon the other four. It expands our ideal of “musicalized” public space into the digital world, with innovative digital concepts for the presentation and dissemination of music and concert experiences. Once again, the project will function as a laboratory for ideas, with an emphasis on transparency, barrier-free participation, and intercultural discourse. This project module will also serve as an opportunity to evaluate and document the complete project.