»Das Lied von der Erde«

Obwohl Mahler »Das Lied von der Erde« bereits drei Jahre vor seinem Tod vollendet hatte, sollte er weder die Drucklegung noch die Uraufführung erleben. Im November 1911, ein halbes Jahr nach Mahlers Tod, erklang das Werk erstmals unter Bruno Walter in München im Rahmen einer Gedächtnisfeier. »Es ist so wie das Vorbeiziehen des Lebens, besser des Gelebten in der Seele des Sterbenden«, sagte der Augenzeuge Anton Webern. 1907 war im Insel-Verlag das Bändchen »Die chinesische Flöte« erschienen, herausgegeben von Hans Bethge. Es versammelt freie Nachdichtungen von chinesischer Lyrik aus dem 8. Jahrhundert, vor allem von Li-Tai-Po (Li Bai), über den Bethge schreibt: »Er dichtete die verschwebende, verwehende, unaussprechliche Schönheit der Welt, den ewigen Schmerz und die ewige Trauer und das Rätselhafte alles Seienden.«

Es war wohl dieser Tonfall, von dem Mahler sofort angezogen wurde. Bald, nachdem ihm ein Freund das Büchlein schenkte, machte er sich noch im Sommer 1907 an die Vertonung – ein Wendejahr in Mahlers Leben. Drei Katastrophen ereigneten sich: die Demission vom Amt des Wiener Hofoperndirektors nach einem Pressefeldzug, die Diagnose seiner schweren Herzerkrankung und der Tod seiner älteren Tochter Maria Anna. An den befreundeten Dirigenten Bruno Walter schrieb Mahler, »dass ich einfach mit einem Schlage alles an Klarheit und Beruhigung verloren habe, was ich mir je errungen, und nun am Ende eines Lebens als Anfänger wieder gehen und stehen lernen muss.« In dieser seelischen Verfassung schlugen die Weisheiten der Gedichte aus der »Chinesischen Flöte« eine verwandte Saite in Mahler an: In aller Melancholie verweigern sie sich einer hypochondrischen Todesfurcht, sondern schweben in einer »blumenhaften Grazie der Empfindung« (Bethge). Und genau diese Mischung aus todwunder, klangsatter Schwermut und leichter, teils kammermusikalischer Eleganz macht den besonderen Charakter des »Lieds von der Erde« aus, das Mahler »wohl das Persönlichste, was ich bis jetzt gemacht habe« nannte.

Den größten Teil komponierte Mahler im Sommer 1908 in seinem »Komponierhäuschen« in Toblach. In den sechs Sätzen – drei für Tenor, drei für Alt oder Bariton – geht er mit der Textvorlage recht frei um. Zur musikalischen Ausgestaltung greifen nur die Mittelsätze 3 und 4 einen »milieutreuen« Exotismus auf. Das »Trinklied vom Jammer der Erde« setzt mit einem wildbewegten Fanfarenruf des Horns gleich ein Ausrufezeichen. Leben und Tod sind verschwistert. Auf der Seite des Lebens stehen Gesang, Trinken, Lautenspiel. Grelle Bilder erscheinen im Rausch. Sie kontrastieren mit dem ruhigen Refrain: »Dunkel ist das Leben, ist der Tod«.

»Der Einsame im Herbst« findet im Welken und Absterben der Natur ein Gleichnis für den Seelenzustand: »Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange«. Der Tod erscheint als ersehnte Stätte von Frieden und Heimat. Anders als im massiv instrumentierten ersten Lied herrscht hier kammermusikalische Durchsichtigkeit. Nur einen leidenschaftlichen Ausbruch erlaubt Mahler in dieser zurückhaltenden Todesmeditation – der aber greift ans Herz: »Sonne der Liebe, willst du nie mehr scheinen«. »Von der Jugend« erscheint als »Chinoiserie-Miniatur«: Hier nähert sich Mahler am ehesten einer fernöstlichen Aura. Die pendelartige auf- und niedersteigende Linie ist pentatonisch, also nach dem fünftönigen System gebildet, das vielen außereuropäischen Musikkulturen zugrundeliegt. Kaum werden die Bassinstrumente eingesetzt – die Schwerelosigkeit der wellenförmigen Bewegung unterstützt das textliche Bild des Pavillons, der auf dem Kopf steht. Auch »Von der Schönheit« atmet die »blumenhafte Grazie«, die Hans Bethge so an den chinesischen Gedichten bewunderte. Das zarte Genrebild der anmutigen Mädchen wird nur durch einen atemlosen, marschartigen Mittelteil aufgestört. Li-Tai-Po war, wie Hans Bethge schreibt, »ein Abenteurer und Trinker«. In »Der Trunkene im Frühling« hallte für Mahlers Zeitgenossen auch Friedrich Nietzsche nach: Welterkenntnis durch Rauschzustand und Einflüsterungen der Natur (hier im Zwiegespräch mit dem Vogel). Der Scherzocharakter wird durch die burleske Instrumentation mit Trillern, Pizzicati und »lustigen« Vorschlägen unterstrichen.

»Der Abschied« ist das weitaus längste Lied – ein überwältigender Abgesang, ein zeit- und raumloser Abschied von der Liebe und dem Leben. »Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht danach umbringen?«, fragte sich Mahler. Alle vorhergehenden Distanzierungen durch Burleske, Ironie oder Exotismus werden aufgehoben. Es ist eine musikalische Erzählung vom Sterben, die sich viel Zeit nimmt. Immer wieder gerät sie ins Stocken, unterbrochen von dem Tam-Tam-Schlägen des Todes: »Die Welt schläft ein«. Mahler fügte Zeilen aus einem eigenen Jugendgedicht ein: »Die müden Menschen gehn heimwärts, um im Schlaf vergessnes Glück und Jugend neu zu lernen«. Die kaum zu ertragende Sehnsucht nach dem Gefährten mündet in einen schwer lastenden Trauermarsch. Danach ändert sich der Ausdruck: Der Freund antwortet »sehr weich und ausdrucksvoll«. Die erstarrte Trauer weicht einem warm strömenden Gesang, der die Gewissheit des Todes ruhig akzeptiert. Die Farben von Mandoline und Celesta kommen hinzu, für Mahler Klangsymbole der Weltentrücktheit. Das mehrfach wiederholte Wort »ewig« steht am Schluss, immer weiter gedehnt, sich ins Unhörbare auflösend. »Gänzlich ersterbend« schreibt Mahler über die Schlusstakte, die harmonisch gesehen keine auflösende Wirkung haben, sondern in einer milden Dissonanz stehenbleiben. Die Grenze zwischen Klang und Stille verwischt. Leben geht in Tod auf.

Text von Dr. Kerstin Schüssler-Bach

Gustav Mahler
Gustav Mahler

Historie

15.04.2018 - Das Lied von der Erde

Ion Marin Dirigent

Jennifer Johnston Mezzosopran

Brenden Gunnell Tenor

Werke von Mahler