Symphonie c-Moll Nr. 5 op. 67

Richard Wagners Diktum über Ludwig van Beethovens Fünfte, diese sei die »Symphonie par excellence«, würde auf den ersten Blick wohl jeder von uns unterschreiben. Die gut halbstündige, 1808 uraufgeführte »Schicksals-Symphonie« und vor allem ihr berühmter Beginn »Da-da-da-daaa« gelten ja auf der ganzen Welt als Pars pro Toto für klassische Musik. Diese Symphonie ist ein Symbol, ein Signum, das jeder versteht. Wenn zu Beginn das Schicksal anklopft, spürt jeder Hörer, worum es geht. Das ist Musik, die die Menschheit anspricht. Allerdings: Wird man mit dieser Überhöhung Beethoven selbst gerecht? Wäre die heutige Vergötterung seiner Fünften als Universal-Kunstwerk in seinem Sinne? Er verstand sein Opus 67 ja selbst nicht als sein Hauptwerk und sah seine Neunte sicher als größer an.

Vielleicht hilft es, sich dem Werk wieder einmal ganz neu und unvoreingenommen zu nähern. Dann hört man beispielsweise, wie Beethoven im Allegro con brio ein Experiment wagt, indem er das berühmte Vier-Ton-Motiv wie in einer Versuchsanordnung mit rasender Hektik durch zahlreiche Variationen jagt. Man hört außerdem, wie er – ebenfalls als eine Art Mutprobe – bewusst und überdeutlich von c-Moll nach C-Dur manövriert. Beethoven erzeugt eine ungeheure Spannung, die auch der zweite Satz Andante con moto, der von einer besinnlichen Weise der Bratschen und Celli eingeleitet wird, nicht auflöst. Das Holz intoniert hier ein Marschthema, das die Trompeten im strahlenden C-Dur übernehmen.

Die vorwärtstreibende Symphonie endet bezeichnenderweise mit zwei Allegro-Sätzen: Auch das Scherzo an dritter Stelle führt das Prinzip weiter, mögliche Hörererwartungen nicht zu erfüllen. Dieser eher beklemmende Abschnitt, der übrigens beinahe Mozarts 40. Symphonie zitiert, nimmt wieder das Vier-Ton-Motiv auf und leitet nahtlos zum vierten Satz über. Dur und Moll werden hier kontrastreich und e ektvoll gegenübergestellt.

Das Finale schließlich überführt die aufgewühlte Stimmung der vorigen Sätze in eine C-Dur-Erleichterung. In dem Presto-Taumel tauchen noch weitere Themen auf, die ähnlich simpel gestrickt sind wie das nun schon allseits bekannte Hauptthema. Allerdings dienen sämtliche dieser Kurz- Motive vor allem einem Ziel: Die Musik soll jubeln und strahlen. Vielen Hörern gilt diese Feierstimmung als Emporhebung der Seele par excellence: Als griff  nach den Sternen. Als eigenmächtige Überwindung des Schicksals. Ob diese philosophische Interpretation valide ist, mag jeder selbst beurteilen. Was Beethoven auf jeden Fall gelang, ist zum einen, die vier Sätze einer Symphonie als geschlossene Einheit mit innerer Entwicklung zu verstehen. Und zum anderen, eine neue Form der Musikrezeption zu etablieren: Man kann gar nicht anders, als diese Symphonie in ihrer umwerfenden »Gewalt« auf sich wirken zu lassen. Ein »Nebenbeihören« ist unmöglich. Und das muss dem Bonner erst einmal jemand nachmachen: Es entsteht der Eindruck höchster denkbarer Vorwärtsbewegung. Ein Eindruck wohlgemerkt, der auf nur vier Tönen basiert.
Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven

Historie

08.06.2017 - Nach den Sternen

Lahav Shani Dirigent und Pianist

Guy Braunstein Violine

Werke von Bach, Beethoven und Bruch