Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36

Entstehung: 1801/02

Uraufführung: 5. April 1803 in Wien

Widmung: Fürst Carl von Lichnowsky

Spieldauer: ca. 35 Minuten

Beethovens »Heiligenstädter Testament« ist de facto kein Testament, sondern ein Brief. 1802 befand sich der Komponist zur Kur in Heiligenstadt, von wo aus er sich schriftlich an seine Brüder wandte. Ausführlich schildert er im Brief seine Sorgen um das immer schwächer werdende Gehör, seine Einsamkeit und seine Todesgedanken. Er glaubt, das Ende seines Lebens sei nahe – und regelt zugleich seinen Nachlass (deshalb »Testament«). Zwar schickte er den Brief letztlich gar nicht ab, er wurde erst 1827 nach seinem Tod gefunden. Doch bis heute dient er als biografische Quelle von unschätzbarem Wert; der noch junge Beethoven befand sich zweifellos in einer abgründigen Situation: »... es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben.« Was hielt ihn zurück? Auch darüber gibt er Auskunft: »... nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück.«

Gibt es in der Musikgeschichte einen besseren Beweis für die lebensrettende Kraft der Musik? Eine Kraft, die seither offenbar auch die Hörer erfasst hat. So schrieb der französische Literat und Musikkritiker Romain Rolland 1927: »Das Beste, das ich in mir habe, verdanke ich Beethoven. Und ich glaube, dass Tausende von Demütigen in allen Ländern gleich mir ihm Trost verdanken [und] Lebenskraft. [...] Er ist das strahlende Symbol der Eintracht Europas, der menschlichen Brüder- lichkeit ...«

Man mag ja tatsächlich seinen Ohren kaum trauen, wenn man die zweite Symphonie hört, die in jenen Jahren des »Heiligenstädter Testaments« und dessen Krankheits-Vorgeschichte entstand: Kaum eine wirkliche Eintrübung, kaum eine in Töne gegossene Frage nach dem Schicksal ist in der Zweiten auszumachen. Und wenn es auch mal ausdrucksstark poltert, kommt bald die Entschärfung.

Der erste Satz beginnt mit einer gewichtigen Einleitung im Adagio molto. Diese steht zwar in d-Moll, also in der Tonart der späteren Neunten. Und auch das Thema weist auf deren ersten Satz voraus. Doch ist das Gewicht hier noch nicht schicksalsschwer, sondern erscheint als angemessene Vorbereitung auf das erste Hauptthema, das die ersten Geigen bald im Allegro con brio anstimmen – und das in seiner saube- ren klassischen Gestalt übrigens auch von Haydn hätte stammen können.

Der zweite Satz ist ein sanftes Larghetto im tänzerischen Dreiachtel- takt. Es überwiegt der Charakter eines eher volkstümlichen Teils. Bemer- kenswert ist hier jedoch, wie Beethoven die kontrastierenden Hauptthemen gegenüberstellt und so aus dem traditionell langsamen Satz einen spannenden und mitunter gar bizarren Dialog macht. Das folgende Scherzo ist eine üppige Spielwiese für den »dynamischen« Komponisten Beethoven, also den Meister der Lautstärken. Beinahe etwas ruppig stellt er Piano und Forte gegenüber. Im Dreivierteltakt experimentiert er mit leisen Stakkatovierteln und wuchtigen Paukenschlägen, mit Intervallen, die weit mehr als eine Oktave umfassen, sowie mit »schiefen« Betonungen. Das ist Musik zum Aufwachen, keinesfalls zum Einschlafen – zu energisch rüttelt Beethoven die dynamischen Hörgewohnheiten durcheinander. (Was die heutigen Popproduzenten, die stets auf Gleichförmigkeit in der Lautstärke bedacht sind, wohl daraus machen würden?)

Das Finale versöhnt mit einem amüsanten Ping-Pong-Spiel unter den verschiedenen Orchesterstimmen und mit Erinnerungen an die vorigen Sätze. Hier gelingt es Beethoven, sich formal von Haydn und Mozart freizuschwimmen: Er arbeitet wieder mit deutlichen Brüchen, macht aus der Coda nahezu eine zweite Durchführung und lässt den Symphonieschluss dann doch wie mit einem Augenzwinkern strahlen.

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Ludwig van Beethoven
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So, 17.11.2019 19:00 Uhr