Symphonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Sergei Rachmaninows zweite Symphonie ist zu einem musikalischen Aushängeschild russischer Schwermut stilisiert worden. Doch was macht diese russische Seele aus? Wie ein trüber Schleier legt sie sich um das ganze Werk: Es sind die wallenden Tonkaskaden, die schwellenden Kadenzen, die dunkel eingefärbten Themenverarbeitungen wie die des Hauptthemas im berühmten dritten Satz. Opulent und reich an emotionaler Kraft, bleibt die Symphonie trotz des angebrochenen 20. Jahrhunderts stets dem spätromantischen Duktus verpflichtet: Nicht ohne Grund wurde der diesem Werk ohne Zweifel innwohnende »russische Weltschmerz« bewundert, aber auch als übertrieben – oder aus der Zeit gefallen – belächelt.

Die zweite Symphonie entstand 1906/1907 in Dresden, wohin der russische Pianist und Komponist quasi geflohen war, um der ihm übelgesinnten heimischen Konzertkritik zu entgehen – und auch den Wirren der letztlich gescheiterten Revolution von 1905. Zwar war Rachmaninows zweites Klavierkonzert mit großem Erfolg international aufgeführt worden, doch seine erste Symphonie war in der Öffentlichkeit durchgefallen. In Dresden fand der Komponist nun Ruhe und Abgeschiedenheit sowie die Muße zum Komponieren – jedoch nicht ohne schwere depressive Phasen mit starken Selbstzweifeln. Und das Schreiben an der Symphonie machte Rachmaninow zu schaffen: Immer wieder unterbrach er die Arbeit und kündigte gar in seiner Verzweiflung an, das Komponieren ganz sein zu lassen. Glücklicherweise besann er sich: Nach der Fertigstellung wurde die Symphonie – trotz anfänglichem Zögern des Komponisten – 1908 in St. Petersburg uraufgeführt und stürmisch bejubelt.

Die Formanlage der Symphonie steht ganz im Zeichen der Spätromantik: Viersätzig mit wie seit Beethoven üblichem tänzerischen zweiten Satz und lyrischen dritten Satz (dem berühmten Adagio in A-Dur) folgt sie äußerlich der Tradition.

Der erste Satz beginnt mit einer langsamen, dunklen Einleitung, wie ein Motto der ganzen Symphonie. Die weiten russischen Landschaften sind im breit auserzählten Hauptthema ebenso greifbar wie die miteinander ringenden melancholischen und euphorischen Charakteristika. Das Allegro des tänzerischen zweiten Satzes ruft zunächst zur stürmischen Jagd, wird jedoch durch ein schwärmerisches Seitenthema
aufgelockert, das zudem an Rachmaninows zweites Klavierkonzert erinnert und schwelgerische Erinnerungen hervorruft. Der Schluss des Satzes ist ein spannungsgeladener, unvollendeter Ausklang für den folgenden dritten Satz, dessen zentrale Position – auch im emotionalen Sinne – dadurch verdeutlicht wird.

Wohl der bekannteste Satz ist eben dieser dritte – das schmerzhaft-schöne Hauptthema des Adagios, von der Klarinette eröffnet und von Violinen wohlwollend aufgenommen, berührt bis ins Innerste und wächst immer weiter, bis es nach mehreren Tonartwechseln und Modulationen vor Glück strahlt. Die klare, aber dennoch verklärte Melodieführung und Phrasierung erzählt von Einsamkeit und Liebe, von Verbitterung und Hoffnung. Der Glanz einer großen (verlorenen?) Zeit strahlt hier so deutlich, dass man sich mit aller Wonne darin verlieren möchte. Das Allegro vivace des Finalsatzes schließlich setzt dem einen prunkvollen Marsch im Hauptthema entgegen, der es schwer hat, die Melancholie des Adagios abzuschütteln. Sein Überschwang steht im klaren Kontrast dazu und setzt dennoch ein klares, selbstbewusstes Statement des Komponisten: Da ist ein Licht am Ende jedes Tunnels. Und dieses strahlt umso heller, je dunkler es zuvor war.

Sergei Rachmaninow
Sergei Rachmaninow

Historie

08.12.2019 - Senkfenster: Golijov und Rachmaninow

James Feddeck Dirigent

David Orlowsky Klarinette