Fabrizio Cassol (*1964 in Ougrée, Belgien) ist seit mehr als 30 Jahren Komponist und Saxofonist des Ensembles Aka Moon. Regelmäßig arbeitet er mit renommierten Choreograf:innen wie Alain Platel – unter anderem bei »vsprs« nach Monteverdis »Vespro della Beata Vergine«, »Pitié !« nach Bachs »Matthäus-Passion«, »Coup Fatal«, einer Verbindung kongolesischer und barocker Musik, sowie »Requiem pour L.« und dem Chorprojekt »Coup de choeurs«. Weitere künstlerische Kooperationen verbinden ihn mit Anne Teresa De Keersmaeker und Rosas, dem samoanischen Choreografen Lemi Ponifasio und seinem Ensemble MAU sowie dem kongolesischen Choreografen Faustin Linyekula und den Studios Kabako.
Auch im Musiktheater und Schauspiel ist Cassol vielseitig tätig. Im Opernbereich arbeitete er mit dem Komponisten Philippe Boesmans und dem Regisseur Luc Bondy zusammen, im Theater unter anderem mit dem südafrikanischen Regisseur Brett Bailey und der Gruppe Third World Bunfight für »Macbeth« sowie mit TJ Stan und Lisaboa Houbrechts für »I Silenti«. Von 2005 bis 2016 arbeitete er regelmäßig mit dem KVS / Königlichen Flämischen Theater in Brüssel unter der Leitung von Jan Goossens zusammen. Zwischen 2000 und 2007 war er Artist in Residence an der Brüsseler Oper La Monnaie / De Munt unter der Leitung von Bernard Foccroulle. Von 2012 bis 2015 war er zudem Residenzkünstler der Fondation Royaumont, wo er seine Auseinandersetzung mit den Musikkulturen der Welt vertiefte. Seit 2014 ist er der Fondation Camargo in Cassis unter der Leitung von Julie Chenot verbunden.
Seit 2015 ist Fabrizio Cassol Künstlerischer Leiter des Festival d’Aix-en-Provence für den Bereich »Oralité« des Orchestre des Jeunes de la Méditerranée (OJM). Dort initiiert und leitet er kollektive Kompositionsprozesse an verschiedenen Orten im Mittelmeerraum, die bis zur Zusammenarbeit mit Symphonieorchestern reichen.
Sein Interesse an außereuropäischen Musikkulturen entwickelte sich insbesondere nach einem Aufenthalt bei den Aka-Pygmäen in der Zentralafrikanischen Republik im Jahr 1992. Seither verbindet ihn eine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit den musikalischen Traditionen Asiens und Afrikas. Mit dem Ensemble Aka Moon, das er gemeinsam mit Stéphane Galland und Michel Hatzigeorgiou gründete, entwickelte er insbesondere einen einzigartigen rhythmischen Ansatz. Das Ensemble hat zahlreiche Künstler:innen aus unterschiedlichsten musikalischen Traditionen und Stilrichtungen zusammengebracht und so immer wieder neue musikalische Konstellationen geschaffen – darunter die malische Sängerin Oumou Sangaré, den Griot Baba Sissoko und die Black Machine, den indischen Meisterperkussionisten U. K. Sivaraman, den senegalesischen Perkussionisten Doudou N’Diaye Rose sowie Nedialko Nedialkov, Marc Turner, Joe Lovano, Robin Eubanks, Amir ElSaffar, Tcha Limberger, Adèle Viret, João Barradas, Zila Khan und BC Manjunath. Gemeinsam mit DJ Grazzhoppa gründete Aka Moon zudem das erste Big Band-Ensemble aus 14 DJs. Rund 25 veröffentlichte Alben zeugen von der außerordentlichen kreativen Vielfalt dieser Zusammenarbeit.
Gemeinsam mit dem Instrumentenbauer François Louis war Cassol außerdem an der Entwicklung des Aulochroms beteiligt, des ersten chromatischen polyfonen Blasinstruments. Seine künstlerische Praxis bewegt sich zwischen mündlich überlieferten und schriftlich fixierten musikalischen Ausdrucksformen und reicht von Kammermusik bis hin zu symphonischen Werken. Seine Erfahrungen und sein Wissen gibt er regelmäßig in Workshops und Meisterkursen auf der ganzen Welt weiter.